Umzingelt von Wohnhäusern steht mitten im Herzen Berlins ein Wachturm. Hier prallen Vergangenheit und Gegenwart direkt aufeinander: Die einen wollen vergessen, die anderen wollen erinnern.

Berlin, 03.01.2015

Es ist kalt. Der Himmel ist bedeckt und doch lugt hin und wieder einmal die Sonne hindurch. An diesem Januartag hatte ich mir vorgenommen ein Stück des mir unbekannten Berlins zu entdecken. Am Bahnhof Schwarzkopffstraße verlasse ich die U6 und gehe die Chausseestraße entlang. „Ich bin der Wandlung Wesen“ prangert an einer Häuserfront in der Boyenstraße. Wie passend, hier im ehemaligen Grenzgebiet zwischen Invalidenfriedhof und Nordhafen, wo 25 Jahre nach dem Mauerfall die Baustellen mehr florieren denn je: In unmittelbarer Nähe entsteht die Europacity, das „nachhaltige Quartier am Hauptbahnhof“, die künftige BND-Zentrale und vieles mehr. Vorbei am Bundeswehrkrankenhaus folge ich der Scharnhorststraße. Dort vorn auf der rechten Seite muss es sein. Die Kieler Straße wirkt wie ein kleines Gässchen: links von einer Wohnsiedlung umgeben, rechts naht das militärische Sicherheitsgebiet. An der Straßenecke kaufe ich mir in der Bäckerei noch einen Tee bevor ich in die Sackgasse einbiege. Dann endlich erblicke ich auf der linken Seite zwischen in den 1990ern erbauten Wohnhäusern mein Ziel: Die Kieler Straße Nummer 2.

Hier am Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal lasse ich mich mit meinem wärmenden Becher nieder und beobachte: Ein Pärchen joggt entlang, ein Junge fährt immer wieder mit seinem Roller auf und ab, Hunde werden ausgeführt, Familien fahren auf Fahrrädern vorüber. Verzweifelt üben sich Autofahrer im Parken und Wenden, eine Frau mit Kind verlässt das Gelände des rotfarbenen Hauses. Kurze Zeit später geht ein Mann entlang, plötzlich bleibt er stehen und sieht sich um. Er scheint der bisher Einzige zu sein, der der heutigen Gedenkstätte Günter Litfin seine Aufmerksamkeit schenkt. Eine große Freifläche, Trampelpfade und Hinweisschilder hätte er bei einer Gedenkstätte erwartet, aber mit einem Wachturm mitten im Wohngebiet habe er auf seinem Spaziergang nicht gerechnet, erzählt er mir. Heute fände man hier kaum mehr Anhaltspunkte darauf, dass man sich im ehemaligen Grenzgebiet befindet. Das sei auch gut so, meint der ehemalige Ostberliner, der bereits in jungen Jahren in den Westteil der Stadt floh. Der Grenzstreifen sei ein großer Schandfleck gewesen, berichtet der Mittvierziger. Es sei gut, dass dieser heute nicht mehr präsent ist.

Ich bin irritiert. Hatte ich mich doch extra auf den Weg gemacht, um genau diesem Stück Geschichte, das ich selbst nicht miterlebt habe, näher zu kommen. Was muss dieser Mensch erlebt haben, um diesen Teil seiner Vergangenheit für immer ausradieren zu wollen? Wieso will er uns des Versuches berauben, erinnern und nachvollziehen zu können?

In Berlin gibt es heute nur noch einige hundert Meter der ursprünglich einmal etwa 160 Kilometer langen Mauer. Von ehemals mehr als 300 Wach- und Beobachtungstürmen entlang des Grenzstreifens um West-Berlin sind heute in der Stadt nur noch drei erhalten. Einer davon ist der seit 1995 unter Denkmalschutz stehende Wachturm der Führungsstelle Kieler Eck. Etwa vier mal vier Meter breit, zirka zehn Meter hoch ist er und irgendwie sieht er aus wie ein typischer Plattenbau. Lediglich die mit Eisenklappen verschlossenen Schießluken sowie der Suchscheinwerfer auf dem Dach des quadratischen Turms geben Aufschluss über dessen einstige Funktion. Heute umstellen Wohnungsbauten den Wachturm. Sie überragen ihn sogar, sodass dieser mehr und mehr als unscheinbares kleines Türmchen daherkommt. Kaum vorstellbar, dass von diesem Turm einmal ein Grenzstreifen überwacht wurde, dass ganz in der Nähe am 24. August 1961 ein 24-Jähriger beim Versuch der schwimmenden Flucht in den Westen erschossen wurde. Seit 2003 trägt diese Gedenkstätte nun seinen Namen: Günter Litfin, der erste erschossene Flüchtling an der Berliner Mauer.

Die Gedenktafel vor Augen, eine Figur als Grenzposten stehend, eine DDR-Flagge und ein Schild mit der Aufschrift „Grenzgebiet“ durch die oberen vier Panoramafenster der Turm-Frontseite sehend, überkommt mich ein beunruhigendes Gefühl: Irgendwie beängstigend und doch mag ich diesen Ort. Er birgt so viele Geheimnisse, denen ich gern auf den Grund gehen wollte. Doch nur die Wenigsten wollen darüber mit uns sprechen. Faszinierend ist dennoch, dass Vergangenheit und Gegenwart hier so nah aufeinander treffen, dass man die Kluft zwischen ihnen spüren kann. Im März werde ich wieder hier sein, nehme ich mir vor, denn ein Schild verrät, dass der Turm im Frühjahr besichtigt werden kann. Vielleicht gelingt es mir dann besser, in die Geheimnisse dieses Ortes und der Menschen, die ihn geprägten, einzutauchen.

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