Von einem Zuckerberg, der die deutsche Flüchtlingshilfe lobt, über Kinder, Haus und Hunde spricht, von Reactions, Likes und Dislikes redet und darüber, wie Facebook die Welt verbessern wird.
Berlin, 26.02.2016Meeting Mark, Foto: Felix Fischeder
Mark Zuckerberg, Foto: Felix Fischeder

Er ist 31 Jahre alt, verheiratet und vor kurzem Vater geworden. Er ist 1,71 Meter groß, trägt Jeans und graues T-Shirt und connectet die Welt – mithilfe von Facebook natürlich. Mark Zuckerberg hat rund 52.407.000 Facebook-Freunde. Seit heute bin ich einer von ihnen. Um genau zu sein Abonnement 52.406.957. Ob ich mit ihm befreundet sein will? Das weiß ich nicht so recht…
Vor einigen Wochen kam meine Kollegin zu mir ins Büro. Sie hätte gelesen, der Facebook-Gründer käme in die Stadt. Das wäre doch sicher interessant für mich. Ich musste schmunzeln und nahm das aus einer Tageszeitung ausgeschnittene Stück Papier entgegen. Der Zeitungsartikel landete in den Abgründen meiner Tasche und ich fragte mich: Was habe ich mit Mark Zuckerberg zu tun? Gleichzeitig überlegte ich, wann ich zuletzt eine Tageszeitung in den Händen hielt und aufmerksam gelesen hatte. Normalerweise erfahre ich durch meinen Facebook-Stream, was in der Welt los ist. Vermutlich genau so wie 1,04 Milliarden andere Nutzer, die täglich auf Facebook aktiv sind. Wie viel Zeit ich dort verbringe? Das möchte ich lieber nicht berechnen! Gefühlte 24 Stunden. Vielleicht sind es auch nur 18, denn mindestens sechs Stunden gehen ja zum Schlafen drauf.

Ich muss feststellen, dass Facebook einen bedeutenden Knotenpunkt in meinem Leben darstellt: Mit der Familie, Freunden, Kommilitonen und Kollegen schreiben, immer auf dem Laufenden bleiben, arbeiten oder einfach nur die Zeit verdallern. Manchmal ärgere ich mich über die Dominanz Facebooks in meinem Leben. Ab und an bin ich richtig froh, dass es Facebook gibt. Im nächsten Moment hasse ich Facebook dann wieder dafür, dass sich ständig etwas ändert. Andererseits finde ich es spannend und staune, was man sich nun schon wieder hat einfallen lassen. Mit mir selbst schließe ich Wetten ab, welches neue Feature sich denn nun durchsetzen wird. Die neuen Reactions etwa, die Mark in seinem Berlin-Gepäck hat? Wie dem auch sei: Facebooks Innovationsfreude ist ein entscheidender Erfolgsfaktor – ganz klar. Aber manchmal gibt es auch die Tage, an denen ich Facebook hasse. Warum? Weil es mich schockiert, wie sich manche Menschen hinter der Anonymität des Internets verstecken. Weil es das Gefühl des legendären Neulands gibt, was ein vermeintlich rechtsfreies Land zu sein scheint. Und weil es auch die Tage gibt, an denen ich das Gefühl habe, es gäbe nichts anderes als Facebook mehr auf dieser Welt. Solch ein Tag könnte der heutige sein. Doch heute hasse ich nicht Facebook, sondern mein Apfel-Smartphone!

Eine Frage ist nun aber immer noch offen: Was habe ich mit Mark Zuckerberg zu tun? Eine Antwort darauf habe ich immer noch nicht. Außer vielleicht, dass wir beide unser Geld mit Facebook verdienen – er mehr, ich weniger. Auch wenn ich mittlerweile Admin von zwölf Facebook-Seiten bin, die es alle zu pflegen und zu beobachten gilt.

Wie sollte es auch anders sein – vom eigentlichen Townhall-Event habe ich dann später noch einmal auf Facebook gelesen: Meeting mit Mark Zuckerberg am 26.2. Wir konnten 90 Tickets organisieren. First come, first serve! hieß es dort in einer Gruppe. Ohne weiter darüber nachzudenken meldete ich mich an und erhielt sofort eine Absage. Alle Tickets seien bereits vergeben worden. Doch drei Tage später kam um 4:19 Uhr noch eine Nachricht: Vielen Dank für dein Interesse, an der Townhall Frage- & Antwortstunde mit Mark Zuckerberg am 26. Februar 2016 in Berlin teilzunehmen. Wir freuen uns, dir mitzuteilen, dass wir die Registrierung öffnen… Knapp 20 Stunden später kam das Ticket.

Nun stehe ich am S-Bahnhof Treptower Park. Vor mir eine Gruppe Studenten, sie könnten auch Blogger sein. Niemand ist über 30. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg zur Arena Berlin. Das letzte Mal war ich dort als Grundschüler – zur Heimtiermesse mit der gesamten Klasse. Damals hatte ich Fragen mitgebracht. Heute habe ich keine. Bin aber auf Antworten gespannt.

Wie zu erwarten war, steht bereits zwei Stunden vor Veranstaltungsbeginn eine lange Schlange vor der Arena. 20 Minuten später – bis dahin tat sich vor mir nichts – stehen hinter mir mindestens doppelt so viele Menschen und ich mitten drin. In der Zwischenzeit lauschte ich dem Tagesspiegel-Interview mit Lisa und Verena. Zwei Polizeiwagen rollen an. Dann heißt es Ausweise und Einladungen bereithalten und plötzlich geht es schnell voran. An RTL und rbb-Moderator Arndt Breitfeld vorbei, der immer überall ist – habe ich das Gefühl.

In der Wartehalle angekommen erwartet uns ein Check-In-Marathon. Das Treiben erinnert mich an meine letzte Reise mit der AIDA. Jeder tritt an einen separaten Schalter, auf iPad minis wird die Registrierung kontrolliert. Dann kommen die Flughafen-Sicherheitskontrollen und fertig – dachte ich. Es folgt die nächste Schlange: Eigentlich zum Reingehen, doch für Rucksäcke und Taschen geht es noch zur Garderobe. Kurz vor der Tür stelle ich fest, dass ich meine Brille im Rucksack vergessen habe – egal, durch meine Kamera würde ich alles erkennen. Falsch gedacht: Entgegen der Ankündigung darf sie nicht mit herein. Also zur Garderobe zurück, nun mit Brille, einem halb geladenen Smartphone bewaffnet, aber immerhin zwei funktionierenden Ohren, hinein.

Schwarz abgehangene Wände, blau angestrahlt, schlicht, modern und trotzdem elegant. So habe ich es von Facebook erwartet. An der Industriehallen-Decke hängen große runde Lampion-Lampen. Gemeinsam mit der holzvertäfelten Bühne bringen sie Gemütlichkeit in den ansonsten recht kühlen Raum. Auf den Stühlen der Sitzreihen liegen Goodies. Auch das habe ich von Facebook erwartet, auch wenn ich mit etwas anderem rechnete. Auf jedem Platz liegt ein Facebook-gebrandeter Knobelwürfel – aus Holz, passend zur Bühne. Erst fragte ich mich, was das denn soll. Aber als ich auf meine Uhr blicke, ist es mir klar: Wir werden jetzt mehr als eine Stunde in dieser Halle sitzen und warten, ohne dass irgendetwas passieren wird. Die Informatikstudenten hinter mir unterhalten sich in dieser Zeit darüber, dass sie doch hätten etwas essen sollen. Auch ihre Wasserflaschen mussten sie bereits am Eingang abgeben. In den Reihen entdecke ich ein paar mir aus der Uni bekannte Gesichter. Immer wieder werden Plätze aufgefüllt. Es muss aufgerückt werden. Ein seltsames Phänomen von uns Deutschen und eine Aufgabe, die mir von den Festveranstaltungen des Jugendweihe Berlin/Brandenburg e.V. im FEZ-Berlin nur allzu vertraut ist. Außerdem läuft Musik. Genau die, die ich von Facebook erwartet habe: Heile Welt-Songs und aktuelle Charthits. Irgendwie klingen sie wie in einem typischen amerikanischen Happy Ending-Film. Eines durfte natürlich nicht vergessen werden: Selbstverständlich habe ich ein Foto auf meiner Facebook-Seite gepostet: Waiting for Mark Zuckerberg…

Dann wird es mit einem Mal dunkler und wieder geht alles schnell und unspektakulär. Eine kurze Vormoderation und dann ist er da, der Mark. Nun gibt es kein zurück mehr: Durchhalten oder den Raum verlassen. Wer einmal draußen ist, kommt nicht mehr zurück. Auf Facebook wird das Townhall Q&A live auf Marks Seite übertragen. 75 Minuten lang stellt sich Zuckerberg 16 Fragen aus dem Publikum und den Followern seiner Seite und macht ein Gruppenfoto. Immerhin, das Event dauert 15 Minuten länger als angekündigt.

In dieser Zeit wird applaudiert, gelacht, gespannt und zum Ende hin vielleicht auch etwas gelangweilt von laut Tagesspiegel rund 1.400 Teilnehmern zugehört. Zu Beginn schwärmt Zuckerberg von Berlin: Einer Stadt, in der er sich zu Hause fühle, die ihn inspiriere, weil sie so unfertig und immer in Veränderung sei. Berlin sei zudem besonders, weil es die Menschen der Stadt geschafft hätten, eine Mauer zum Fallen zu bringen. Facebook verbinde Menschen auf der ganzen Welt und er sei heute hier, um zu lernen und Facebook sich zu verbessern. Dieses Mantra wird Zuckerberg in der nächsten Stunde noch öfter wiederholen.

Mit der ersten Publikumsfrage sorgt Heiko für einen Lacher: In brillantem Dengelisch fragt er, ob es denn die Video-Live-Funktion bald auch für alle User gäbe und beweist damit zugleich: Es gibt sie doch, die Facebook-Menschen über 30. Zuckerbergs Antwort im Übrigen: Ein klares Ja.

Mit Frage zwei geht es bereits ans Eingemachte: Wie gehe Facebook mit Hasskommentaren zukünftig um? Was werde sich verändern? Zuckerbergs klares Statement: Hate speech has no place on Facebook. Die Beantwortung der Frage hingegen bleibt schwammig – wie viele weitere an diesem Tag. Man befinde sich im Arbeitsprozess und werde sich verbessern. Später beantwortet er außerdem, dass er einen Dislike-Button vorerst ausschließe. In diesem Zusammenhang seien die neu eingeführten Reactions entstanden, die den Ausdruck von mehr Empathie ermöglichten. Und zum Thema Privatsphäre und Datenschutz verweist er darauf, dass jeder selbst entscheide, was er veröffentliche und dass diese Inhalte das eigene Eigentum seien. Facebooks Aufgabe sei es dabei, diese Daten zu schützen, sodass unter Freunden vertrauensvoll gesprochen werden könne. Eine weitere spannende Frage einer Teilnehmerin im Publikum greift durch Facebook entstehende Filterblasen auf: Facebook-User würden nur Neuigkeiten bekommen, für die sich interessierten. Aber geht es nicht genau darum in Social Media? Zuckerberg betont die Vielfalt der Inhalte sozialer Medien, die keineswegs zu Engstirnigkeit führe. Es folgt meine Lieblingsfrage: Was würde er tun, wenn er CEO von Twitter wäre? Zuckerberg antwortet, dass er auf diese Frage nur falsche Antworten geben könne und spricht deshalb lieber über die Erfolgsgeschichte des von Facebook übernommenen Dienstes Instagram.

Dann geht es um Kinder: Wie es sich denn anfühle Vater zu sein, wird gefragt. Wie das Verhältnis von seinem Hund zu seiner Tochter sei. Wir erfahren, dass es grandios ist und dass auch der Hund mit Zuckerbergs Tochter zum Vater geworden sei. Und falls es irgendjemanden interessiert: Übernachtungsort des Hundes im Zuckerbergschen Haus ist das Arbeitszimmer. Doch neben diesen privaten Geschichten ging es auch um Jugendschutz. Ab welchem Alter sollten Kinder mit Technik vertraut gemacht werden? Zuckerberg geht von sich selbst aus: Mit 10-11 Jahren habe er Computer für sich entdeckt und dies habe ihn in seiner kreativen Entwicklung weit vorangebracht.

Zum Thema Marketing und Facebook-Werbung äußert es sich gewohnt positiv: Facebook täte sein Bestes, dass auch Werbeinhalte ansprechend und interessant für die Nutzer seien. Er betont zudem, dass vor allem kleine und lokale Unternehmen nun die gleichen Chancen hätten wie die Big Player.

Als Zuckerberg abschließend überschwänglich davon berichtet, wie Facebook in den kommenden Jahren die Welt positiv verändert könnte, beginne ich ein Résumé zu ziehen. Dann lobt er Deutschlands Einsatz in der Flüchtlingshilfe und bezeichnet ihn als beispielhaft. Er hoffe, dass weitere Länder dem gleich täten, auch die USA. Und auf einmal ist Zuckerberg plötzlich genauso schnell wieder weg, wie er aufgetaucht war.

Meine Erkenntnis des Tages: Mein iPhone5 ist echt zu alt, ich brauche unbedingt ein neues Smartphone mit besserer Kamera, um beim nächsten Mal auch im Notfall brauchbare Fotos machen zu können. Und bezogen auf Mark Zuckerberg? Aus meiner Sicht alles nichts Neues. Nichts, was ich nicht auch schon vorher wusste oder der Boulevardpresse hätte entnehmen können. Vielleicht zwei, drei nette Statements und vor allem natürlich ein Best Practise Beispiel für ein gelungenes PR-Event. Aber mal ehrlich: Wer hätte vom Global Player Facebook etwas anderes erwartet?

So und jetzt geht es ab in den Urlaub. Mit dem neuen Smartphone wird es so schnell also nichts, aber zumindest mit einer Woche Facebook-frei. Seit heute bin ich auch recht optimistisch, dass mir das gelingen wird. Und aus dem Urlaub werde ich ganz oldfashioned ein paar Postkarten schicken.

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